Mit Kamera und Zahnbürste: Eine Nacht im Hotel Egon der IBA Thüringen, Eiermannbau Apolda

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Hotel Egon Eiermannbau Apolda 2019

IBA* und der Egon Eiermann Bau in Apolda


"Der Eiermannbau ist das einzige Gebäude des Architekten Egon Eiermann in Thüringen. Ursprünglich gebaut als Weberei, wurden seit den Dreißigerjahren bis 1994 Feuerlöschgeräte am Standort produziert. Eiermann hat den Industriebau des Apoldaer Architekten Hermann Schneider 1938 bis 1939 erweitert, sensibel und aufmerksam die vorhandene Gebäudestruktur fortgeführt und gleichzeitig die funktionalen und ästhetischen Anforderungen seiner Zeit eingebracht. Eiermann gilt in Fachkreisen als einer der wichtigsten Baumeister der Nachkriegsmoderne. Logik, Reinheit und Klarheit lauteten seine architektonischen Maxime“ (Internetauftritt der IBA Thüringen)

Eiermannbau Apolda


alte Industriearchitektur







Soweit die Fakten zum Gebäude, dessen Veränderungen ich von Weimar aus sporadisch verfolge. Ich wusste das es früher der Textilindustrie als Standort diente (Weberei) und später das Feurelöschgerätewerk beherbergte, welches zu Beginn der 90er Jahre still gelegt wurde. 2005 war ich zur legendären Modenacht dort, als Karl Lagerfeld höchst selbst sich die Ehre in Apolda gab, um auch eine Ausstellung seiner Fotografien im Kunsthaus Apolda zu eröffnen. Das Gebäude innen noch stark heruntergekommen, machte Platz für gestalterische Ideen der experimentierfreudigen Studenten der Mode und des Designs.

Viel später 2018 las ich von einem „Campus mit Hotel Egon“ und der Eröffnung der „Open Factory“. Letzteres begeisterte mich, denn die Räume alter, großer Fabrikgebäude zu nutzen und nicht verfallen zu lassen, bringt euch energetische Probleme mit sich.

„Die vom IBA-Team selbst entworfene Haus-in-Haus-Lösung schafft ein Makro- und Mikroklima in den beiden einfach verglasten Fabrikhallen im zweiten Obergeschoss. Lediglich die hundert Quadratmeter der Gewächshäuser werden auf 20 Grad Celsius beheizt. Der restliche Raum wird nur grundtemperiert.“ (Internetauftritt der IBA Thüringen)


In diesem Sommer sollten sich die Türen des „Hotel Egon“ vom 5. Juli bis 25. August 2019 im Egon-Eiermann-Bau in Apolda wieder öffnen. Da ich gerade an einem Projekt des Weimarer Land Tourismus mitarbeite, das sich dem „Schlafen an besonderen Orten“ widmet, war ich sofort dabei und habe mir einen Schlafplatz für eine Nacht reserviert.
Das bot die einmalige Möglichkeit, das Denkmal der Industriemoderne zu bewohnen und die Egon-Bar auf dem Dach des Eiermannbaus zu besuchen. Hotel Egon ist ein Kunstprojekt der IBA und Du kannst neben dem spannenden Übernachtungsangebot natürlich auch die auch die Ausstellung ›StadtLand‹ zu den 30 IBA Zukunftsprojekten erleben.

Das Hotel Egon als Kunstprojekt der IBA









„Die Zimmerauswahl im Hotel Egon ist vielfältig und ungewöhnlich, sie reicht vom Himmelbett bis zum CoSleeping in den ehemaligen Umkleiden, vom Zelten auf dem Freigelände bis zum Bett in der Ausstellung“. (Flyer Hotel Egon der IBA Thüringen) 
Wofür sich also entscheiden? Was würde mich erwarten? Ein Schlafsaal mit Vielen, oder ein Himmelbett allein? 




Mein Bett Nr.7 stand in den ehemaligen Umkleideräumen, war wie alle aus Gerüstbauteilen zusammen geschweißt und ein Recycling aus einem Flüchtlingsheim in Nordrhein-Westfalen. So wie alles im Hotel also selbst gebaut und individuellen Charme versprühend. Die Abtrennung mit einem Vorhang machte das Ganze intim, Dusche und Toilette befanden sich auf dem Gang mit Einzelnutzung. Ich nehme vorweg das ich gut geschlafen habe, trotz der starken Aura eines solchen Gebäudes, geprägt von fremden Lichtern und auch von den Geräuschen der anderen Gäste. Am Morgen aufzuwachen mit Vogelgezwitscher, wenn dir die Sonne ins Gesicht scheint, unbezahlbar! Und da das alles ohnehin unbezahlbar ist, kostet dich der Aufenthalt mit Halbpension auch Nichts, aber dazu noch einmal später.





Das Hotel betreiben in der Zeit vier interdisziplinären Kollektive, die jeweils für zehn Tage die temporäre Hoteldirektion übernehmen und gemeinsam mit den Gästen ein Hotelerlebnis schaffen. Jedes Kollektiv bietet außerdem ein besonderes Programm an, bei dem du das StadtLand Thüringen rund um den Eiermannbau, die Stadt Apolda und ihre Umgebung noch besser kennenlernen kannst. 


Das On-Off Kollektiv



„ON/OFF ist ein Studio bestehend aus ArchitektInnen und PlanerInnen mit Sitz in Europa und Dependancen in Berlin und London. Unserer Arbeit liegt ein ganzheitliches Verständnis von Architektur zugrunde – demzufolge beschäftigen wir uns sowohl mit ihren Kernbereichen als auch mit Schnittstellen zu angrenzenden Disziplinen. ON/OFF baut (um), installiert, stellt aus und publiziert.“ (Information Flyer Hotel Egon)

Von links: Nick Green, Architekt-betreibt die britische Dependance von ON/OFF in London
Alexis de Raphelis ist französischer Künstler.
Mascha Fehse, Berlin-arbeitet im Grenzgebiet von Architektur, Kunst und Kultur.
Licia Soldavini ist eine städtische Moderatorin, die in Berlin lebt.
Anatol Rettberg  ist Masterstudent am Institut für Architektur an der TU Berlin
Simon Ruof studiert Architektur im Bachelor an der Bauhaus-Universität Weimar
Marius Busch ist Architekt und angewandter Geograph.


Ich habe mich für die Zeit des On-Off Kollektivs bewusst entschieden, weil es sich in seiner Zeit in Apolda auf die Spur der regionalen Lebensmittel machen wollte, um deren Herkunft zu ergründen.

„In Apolda den Spuren des Lokalen in alle Winkel, Ausläufer und Verstecke der Stadt zu folgen und nach Essbarem für unsere Hotelküche Ausschau zu halten“, so las ich in der Ankündigung. Prima, genau mein Ding! Die Ankündigung von „multi-kulinarischen Exkursionen und …..unter- schiedlichsten Orte der Lebensmittelproduktion, - verarbeitung und Gastronomie“ zu besuchen fand ich schon spannend. Die Hotelgäste sind zu allen Unternehmungen mit eingeladen, auch das Gefundene in der Hotelküche gemeinsam zu einem Abendessen zu verkochen.

Industrielle Produktion von Lebensmitteln


Mein Tag in Apolda stand unter dem Zeichen der industriellen Produktion von Lebensmitteln und so nutze ich gleich die Gelegenheit, um im Gewerbegebiet vor der Stadt einen Produzenten von Tiefkühlkost, Pizza und Eis zu besuchen. Leider wurde die Besichtigung kurzfristg abgesagt und so wurden, nach einem Spaziergang durch das Gewerbegebiet, TK Pizzen im Supermarkt für den Abend gekauft. Die Produkte der Firma Ospelt wirst du vergebens im Handel suchen (falls du das wirklich tun solltest), da sie keine eigene Marke besitzt und ausschließlich für große Handelsketten produziert.




Der Plan des Abend bestand darin, die gekauften Pizzen mit gesunden Zutaten aufzuwerten. Aber schnell war man sich einig, dass ein Deckmäntelchen an gutem Belag nicht über den Inhalt des Essens hinwegtäuschen kann. Ein Essen ist eben nur so gesund wie die Summe seiner Zutaten. So habe ich seit gefühlt 20 Jahren wieder einmal eine TK Pizza gegessen, bin davon nicht gestorben, hatte aber keine genussvolle Freude daran.





Die Übernachtung im Hotel Egon ist kostenlos! Von den Gästen wird aber ein Gegenwert erwartet, der je nach Zeitraum und verantwortlichem Kollektiv festgelegt wird. Als Gegenleistung für die Halbpension bittet man um die Übernahme von Aufgaben im Tagesgeschäft: Zimmerservice, Rezeption, Bar, Beschaffungen oder Küche. Keine Hürde also, um nicht einmal ein Teil eines solchen interessanten Experimentes zu sein. Bis zum 25. August hast du noch Gelegenheit dazu.



Und ich werde am nächsten Samstag noch einmal zu einem abschließenden gemeinsamen Kochen mit dem Kollektiv On-Off nach Apolda fahren. Dann werde ich berichten, was in der Woche alles so entdeckt wurde und ob der erhoffte Kontakt mit den Menschen in Apolda zustande gekommen ist. Darauf bin ich am meisten gespannt. Denn auch dazu dient das Projekt und ob es in Apolda ankommt, da habe ich so meine Zweifel.
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* Was ist die IBA ?