Schneller als jede Jahreszeit


Was ist nur los mit uns ? Können wir denn gar nicht mehr richtig genießen . Der Frühling naht und man könnte jetzt die ersten zarten Wildkräuter für einen Salat zupfen. Die sind nicht nur unbezahlbar, sondern kostenlos. Den oft überstrapazierten Bärlauch findet man regional auch schon in verwertbarer Größe.



Aber nach Bärlauch auf jedem Teller den man seit 4 Wochen  schaut, haben wir ihn schon wieder satt, im wahrsten Sinn des Wortes. Und so muss schnellstens Neues Glück gefunden werden. Habt ihr sie schon gekauft, die ersten Erdbeeren ? So schön sehen sie aus, auf Torten, auf Müslis und den vielen Dessertkreationen. Kein Foto ohne die schöne Frucht, obwohl man Glück braucht, eine richtig rote zu finden. Das sie schmecken wie ein unreifer Kohlrabi und auch dieses Mundgefühl verursachen, ist doch egal. Das sie unter Einsatz einer Unmenge an Energie halbwegs gereift sind, wen kümmerts.

Aber weiter gehetzt im Jahresreigen. Denn wenn alle Erdbeeren haben, dann kann man doch schon mit dem ersten Rhabarber punkten. Der ist auch schön anzusehen und mit dem kocht und bäckt doch noch keiner. Also nichts wie los ! Kaufen, egal woher, egal wie er schmeckt.

Unser nächstes Opfer ist der Spargel. Früher, ganz früher, als man Obst und Gemüse noch gegessen hat als es reif war, ging die Spargelzeit von Ende April bis zum 24.Juni, dem Johannistag. Und dass nicht etwa weil ihn dann keiner mehr wollte, oder irgendwelche Gifte in die Pflanze einschossen, sondern weil die Pflanze eine Schonzeit brauchte. Und unser Körper wahrscheinlich auch. Aber jetzt steht er nach dem wegtauen des letzten Schnees auf dem Speiseplan und in den Supermarkt Regalen noch bis zum Eintreffen der ersten Weintrauben. Obwohl Weintrauben... Und woher haben bloß Mairübchen ihren Namen, wenn man sie auch im Oktober kaufen kann ? Brombeeren, Himbeeren, Heidelbeeren - wissen wir heute noch wann die eigentlich reif sind ?

Diese Beispiele kann man fortsetzen durch das ganze Jahr. Und wir bringen uns mit dieser Art Ess- und Kaufverhalten um jeden Genuss. Denn auch wenn sie freilich importiert sind, sie schmecken nicht. Mir nicht, die ich mich an den Geschmack noch erinnern kann.

Wir machen einmal gemeinsam eine kleine Übung, ja ? Wir schließen die Augen und denken uns, wir stehen in einem Garten. Vielleicht dem von der Oma ? Es ist Juni und wir dürfen die erste reife Erdbeere pflücken. Die knirschelt ein bisschen, weil sie nicht ganz sauber ist. Und wir drücken sie nur leicht mit der Zunge zusammen und schon haben wir den unvergleichlichen wunderbaren Geschmack, von einer Süße, die ist schon überirdisch und in uns ruft es mehr,mehr,mehr.

Oder wir beamen uns in den gleichen Garten und beißen in einen frischen Apfel vom Baum. Davon ganz abgesehen, dass es da noch Sorten gab, die heute kein Mensch mehr kennt, können wir uns nur zu gut erinnern, wie uns der Saft beim reinbeißen das Kinn herunterläuft. Haben wir diese Geschmäcker heute noch bei dem Obst, welches wir kaufen ?

Es liegt ein bisschen auch an uns. Denn die Nachfrage bestimmt nicht nur den Preis, und das ist ein Aspekt von dem ich noch gar nicht geschrieben habe, sie bestimmt auch das Angebot. Mein eindeutiger Appell also ist, lassen wir der Natur doch Zeit sich zu entfalten, wenn der richtige Zeitpunkt ist, schmeckt auch alles so, wie es schmecken soll. Nicht alles was früher war ist überholt, verstaubt, muffig und altmodisch. Urban Gardening finden wir doch auch total chick !

Es gibt schon Dinge in der Welt die sollte es nur geben, wenn es an der Zeit ist. Und das trifft nicht nur für Obst und Gemüse zu. Geduld haben wir verlernt. Alles muss, wenn wir es wollen. So ein bisschen Vorfreude und Sehnsucht nach einem Genuss, kann ihn doch noch multiplizieren.
Das soll nun hier aber kein Wort zum Sonntag werden, sondern nur ein eindeutiger Appell zur Entschleunigung. Ein Wort,welches in aller Munde ist. Vielleicht fangen wir einfach mit unserem Essen an.