Zur Entspannung eine Baumgeschichte


Er steht wie immer an der gleichen Stelle und schaut sich um. Jeden Tag, bei jedem Wetter. Für ihn ist es wichtig, feste Zeiten und Beständigkeit gehören zu seinem Leben. Aber heute, da kribbelt es ihm ein bisschen in den Fingern. Es ist Dienstag und da wird sie wieder kommen. Sie werden sich wieder treffen, an der gleichen Stelle im Goethe Park. Und heute wird er seinen ganzen Mut zusammen nehmen und ihr alles gestehen.

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Begonnen hatte es vor über einem Jahr. Er sah sie schon von Weitem. Sie schlenderte, besah sich die Umgebung und die Menschen, lachte mit Kindern und streichelte Hunde. Sie warf ihm sofort aufgefallen. Klein und zierlich und sie hatte so ein Lachen, da war man sofort völlig wehrlos. Als ihre Blicke sich trafen, lachte sie laut und kam fröhlich auf ihn zugelaufen, wie ein Kind. Sie betrachtete ihn von allen Seiten. Er war sofort verliebt. Und er war ganz sicher, dass beruhte auf Gegenseitigkeit. Da gab es zwar diesen großen Altersunterschied aber er wusste, der würde  in ihrer Beziehung keine Rolle spielen.

Sehr glückliche Zeiten begannen. Jeden Dienstag kam sie und nachdem anfängliche Scheu überwunden war, begannen wunderbare Zwiegespräche und sie erzählte ihm von sich, später auch von ihren Sorgen und Problemen. Manchmal weinte sie sogar. An einem Dienstag im Oktober hat sie ihn sogar einmal gestreichelt. Große Liebe. Die schönsten Tage waren die, an denen  sie ihre Geige mitbrachte und ihm etwas vorspielte. Und er machte das, was er am besten kann, er hörte ihr zu. Im Laufe der Zeit konnten sich beide diese Treffen nicht mehr aus ihrem Leben wegdenken. Er gehörte zu ihr, wie sie zu ihm.


Foto Sebastian Holzapfel

Seine erste Enttäuschung kam nach etwa einem halben Jahr, als sie ihn eines Tages mit leuchtenden Augen einem jungen Mann vorstellte. Aber als er sah, wie strahlend glücklich sie war, konnte er sich nur noch mit ihr freuen. Wenn es ihr nur gut ging, war die Welt in Ordnung. Sie brachte ihn mit, zu jedem Treffen und zu dritt hatten sie unvergessliche Stunden. Bei Regen, Sonnenschein, fallenden Blättern im Herbst und eisigem Schnee im Winter. Nur wenn der junge Mann sie küsste, da ging ihm so ein Stechen durchs Herz. 

Es kam, wie es kommen musste, der großen Liebe folgte die Enttäuschung. Sie setze sich zu ihm und er tröstete sie und versuchte ihre Tränen zu trocknen. Wunderbare Zweisamkeit.

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Heute war also der große Tag. Er hatte sich die Worte zurecht gelegt, immer wieder etwas geändert, aber jetzt war er sich sicher. Aufrecht stand er da und wartete auf seine große Liebe. Er sah sie wieder von weitem schon kommen. Auch so fröhlich wie immer, aber doch ganz anders. Als sie etwas näher kam sah er, dass sie einen Koffer bei sich hatte. Der Abschied ging schnell und er merkte, dass es ihr schwer fiel zu gehen. Er kam nicht zu Wort, es sprudelte nur so aus ihr heraus, dass es sein muss, auch wenn es schwer fällt. So ist das Leben. Und dann drehte sie sich um und ging. Ganz schnell. 


Er brauchte einen kurzen Moment, bis er zur Besinnung kam und begreifen konnte, was da gerade geschehen war. Er holte tief Luft. Er musste handeln. Mit Riesenschritten wollte er ihr nach und sie zurück halten. Aber wie angewurzelt blieb er stehen. Schicksalhafte Unbeweglichkeit. Und da steht er noch heute und wartet auf sie, seine große Liebe.